Heute geht ja nichts mehr ohne Flexibilität. Und Agilität. Genau, agil musst du sein! Was das Wort des Jahres 2021 für Jugendliche ist - nämlich "cringe" - ist es "agil" für die Bürowelt. Überall hört und liest man nur noch "Agilität, "agiles Lernen", "Scrum", "Scrum Master" und so weiter und so fort. Dabei herrscht kaum ein einheitliches Verständnis von "agil sein" und die Herkunft der Agilität und des agilen Lernens ist ebenso weniger bekannt. Es ist ein bisschen so wie mit "New Work": Alle reden davon, alle machen New Work und keiner weiß, wo es herkommt, warum wir das machen und ob es eigentlich so wirklich, wirklich gut ist. "Cringe" kommt übrigens aus dem Englischen und bedeutet übersetzt "zusammenzucken". In der Jugendsprache wird es zumeist als Adjektiv genutzt um den Zustand oder die Empfindung zu beschreiben, wenn man sich ordentlich fremdschämt. Wo "New Work" herkommt weiß ich jetzt nicht, aber ich schätze, ich mach' das auch irgendwie.
Nun aber zur Agilität: Der Kerngedanke der Agilität entsprang der Softwareentwicklung und will Offenheit und Anpassungsfähigkeit beschreiben. In den „Principles behind the Agil Manifesto“ (2001) beschrieben Softwareentwickler nach diesem Kerngedanken ihre Arbeit und legten vier Werte für das sog. "Agil-Prinzip" fest. Die vier Prinzipien der Agilität lauten:
(Graf/Gramß/Edelkraut 2019, S. 49)
Das Manifest der Agilität kann übrigens hier bestaunt werden: https://agilemanifesto.org/principles.html
Klingt soweit gut. Und aus der Softwareentwicklung heraus, übertrug man nun diese vier Prinzipien und den Kerngedanken der Offenheit und Anpassungsfähigkeit in den Bereich des Lernens. Auf Basis dessen können vier Werte für agiles Lernen definiert werden:
(Graf/Gramß/Edelkraut 2019, S. 50)
So, nun wissen wir, wo die Agilität herkommt und was das mit Lernen zu tun hat. Und wir merken, dass die Umwandlung der Werte aus der Softwareentwicklung auf die Werte einer Lerntheorie zeigen, dass es in erster Linie eine Haltungsfrage ist, ob und wann agil gelernt wird. Sowohl für Lehrende als auch für Lernende ist es eine Mindset-Aufgabe, sich agil zu verhalten. Wem das jetzt zu hoch ist, dem hilft der krasse Kontrast dazu:
In der Schule lernen wir auf Vorrat. Wir büffeln Stoff und Bücher 9-13 Jahre lang und werden dann in die große, weite Welt entlassen - in der Hoffnung, wir haben genügend Vorräte für die Anforderungen des Lebens dabei. Zumeist stellen wir nach 6 Monaten außerhalb der Schule fest: Nein, haben wir nicht. Schon beim Verlassen des elterlichen Nests, um in einer spannenden Großstadt zu studieren, kommen erste Fragen auf:
Agiles Lernen setzt nun genau an diesem Missstand an und versorgt dich mit Wissen dann, wenn du es brauchst, um aktuelle Handlungsanforderungen und Probleme zu meistern. Ein schönes Beispiel hierzu sind YouTube-Tutorials. In der Studentenbude ist die alte Waschmaschine kaputt und es ist kein Geld für eine neue da. Mutti will auch nicht mehr jede Woche für uns waschen und so sind wir jetzt gezwungen aktiv zu werden. Nur haben wir keine Ahnung, warum die Waschmaschine beim Schleudergang durch den ganzen Waschkeller tanzt und andere Maschinen dabei penetrant zum Mitmachen auffordert. Youtube hilft! Nach kurzer Videorecherche wissen wir, dass die Stoßdämpfer kaputt sind und daher die Kräfte der Waschmaschine und der schleudernden, nassen Wäsche nicht mehr aufzuhalten sind. Daher springt die Maschine durch den Waschraum. Youtube erklärt uns sogar, wie wir das Problem beheben können, welches Werkzeug wir brauchen, wo wir die Ersatzteile bestellen können und dass wir Sorge tragen sollten, besonders vorsichtig zu sein, da wir sowohl mit Wasser als auch mit Strom (!) zutun haben.
Soweit ein einfaches Beispiel für agiles Lernen: Wissen und Lernprozesse dann erhalten und aneignen, wenn es in der Realität und Praxis gefordert wird. Was das Tolle daran ist? Es ist effizient und zielgerichtet, da wir nur das behandeln, was wir gerade wirklich brauchen und wenig unnütze Vorräte anlegen. Und es ist kompetenzbildend, da wir Theorie und Praxis direkt verzahnen - "learning on the job" (weiteres Trendwort). Wir verbinden also Handlungsherausforderung, selbstorganisiertes Lernen und Problemlösen in einem. Kurz: wir stoßen auf ein Problem, organisieren uns neues Wissen, lernen, lösen und machen eine Erfahrung. Weltklasse.
Da kann sich der Schulvorrat mit Goethes Faust, Vektorrechnung und Matrizen mal eine ordentliche Scheibe von abschneiden.
So, und was hat das jetzt mit Flexibilität zu tun? Ein wenig, denn agiles Lernen funktioniert, wenn erstens die Option besteht, agil lernen zu können - also, wenn im Job dein Arbeitgeber dir die Möglichkeit gibt, dann Wissen zu bekommen, wenn du es akut benötigst (zum Beispiel über ein eigenes Learning-Management-System oder ein Wiki). Und zum anderen hängt es natürlich grundlegend von dir und deiner eigenen, inneren Einstellung ab. Denn du musst natürlich gewillt sein, Herausforderungen anzunehmen und aktiv nach der Lösung des Problems zu suchen. Und dies erfordert unweigerlich Flexibilität. Denn in unserer heutigen dynamischen Welt tauchen immer und immer wieder Veränderungen auf, die neue Hürden erschaffen. Wer dann stur versucht sein Vorratswissen abzurufen, kommt oft nicht weit. Wer hingegen flexibel ist und kreativ nach Wegen und Lösungen sucht, kommt weiter und lernt dabei. Lernen geschieht immer von innen nach außen. Wenn du die Waschmaschine reparieren willst, wirst du das auch schaffen und anschließend deutlich lebensschlauer (noch kein Trendwort) sein.
Agilität und agiles Lernen haben also nicht direkt mit Verbiegen oder extremer Flexibilität zu tun. Es ist eine Form des Lernens, des Denkens und des Weiterkommens im Job und im Leben. Wer agil denkt, der denkt konstruktiv und lösungsorientiert. Nicht in dem Maße, sich vor Flexibilität die Gelenke auszurenken, sondern in einem Maße, aus Problemen Lösungen und Erfahrungswissen entstehen zu lassen.
Unsere Studenten mit der Waschmaschine können nun Stoßdämpfer wechseln. Und wer weiß, vielleicht hat Mutti bei ihrer Maschine bald auch mal das Problem mit der Tanzmaschine und die Studis können auf ihr neues Erfahrungswissen zurückgreifen und mal gescheit was zurückgeben fürs jahrelange Wäsche machen ;)
Literatur:
Graf, N./Gramß, D./Edelkraut, F. (2019): Agiles Lernen. Neue Rollen, Kompetenzen und Methoden im Unternehmenskontext. 2. Auflage, Haufe Group, Freiburg.
Graf, N. & Schmitz, A. P. (2019): Definition & Abgrenzung der Begriffe Lernen 4.0, Agiles Lernen & New Learning. (URL: http://humex-consulting.de/definition-abgren-zung-der-begriffe-lernen-4-0-agiles-lernen-new-learning [letzter Zugriff: 29.06.2021])
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